Was gab es eigentlich an elektronischer Musik vor der Techno-Phase der 90er Jahre? An tanzbarer Musik a la Love Parade eher wenig, dafür aber eine Vorform von Trance.
Eigentlich gehören die "Schwingungen" weniger in den Bereich Rock. Aber wohin dann? Na, das mit den "Schwingungen" war so: Es handelte sich um eine speziellle Radiosendung im WDR. Die lief
donnerstags von Januar 1984 bis Ende März 1995, moderiert von Winfried Trenkler, bis einschließlich 1986 alle 14 Tage, ab 1987 wöchentlich. Diese Sendung begann immer mit Harald Großkopf's
Stück "So weit so gut".
Der Bogen zum Rock kann sicher über die Schiene Art Rock und Psychedelic Rock aus den 60er/70er Jahren gezogen werden. Winfried Trenkler spielte
uralte Stücke aus den frühen Tagen von Tangerine Dream
(link, s. auch
http://www.youtube.com/watch?v=XuVjRAflt6g&feature=related)
(http://www.youtube.com/watch?v=NqE99VqzCU8&feature=related) ,
Tangerine Dream veröffentlichten in den 80ern einiges Neues z.B.:
1984: Live-Album eines Konzerts in Polen
1985: Le Parc
1988 "Song of The Whale - from Dawn To Dusk".
Zu den übrigen "alten" Interpreten gehörten außerdem Klaus Schulze, Eroc, Ash Ra Tempel, Michael Rother, - alleine und mit "Neu" -, Amon Düül, Less Mc Cann
(eher Jazz), Bo Hansson, Jean Michel Jarre. Klaus Schulze veröffentlichte 1985 "Interface", von Jean Michel Jarre gab es in den 80ern zwei erwähnenswerte Werke, nämlich "Zoolokology" (1984) - ein
abgedrehtes, von Soundeffekten (Supermarkt??) durchsetztes Album. Besser, sehr viel besser erschien "Rendezvous" (1986) mit dem an eine Raummission im Jahr 1986 - mit tragischem Ausgang -
erinnert wurde.
Neuere Dinge liefen von Robert Schroeder, Philip Glass, "Mind over Matter" aka Klaus Hoffmann-Hoog, Nik Tyndall, Yello, ELM, Twice a Man, Peter Davison, Adalbert von Deyen, Dieter Schütz, Claude
Larsson, Mergener/Weisser, Rainer Bloss, Cocteau Twins, Triatma, Serge Blenner, Kitaro, Gandalf, Dennis Hart, Peacock, Double Fantasy, Peter Schäfer......
In der ersten Sendung "Schwingungen" Anfang Januar 1984 lief am Ende das Stück "Tubular Bells" von Mike Oldfield (1973) in voller epischer Länge von über 20 Minuten. Als
Schüler der Oberstufe verfolgte ich die Sendung später nicht weiter (22:30-0:00 Uhr war für mich mit 17 Jahren einfach zu spät).
Im Sommer 1984 (Ferien!) schaltete ich mal zufällig hinzu, als Winfried Trenkler ein Stück aus Walter Carlos "Sonic Seasonings" - nämlich
passenderweise "Summer"- laufen ließ.
Carlos hatte 1972 auf einem Doppelalbum die vier Jahreszeiten vertont, teils mit Synthis, teils mit Klängen aus der Natur. Für jede Jahreszeit nahm er sich eine LP-Seite Zeit.
"Summer", das waren 20 Minuten, ja, galaktisches Rauschen von einer Stereobox zur anderen. Ein wenig eintönig vielleicht, aber doch faszinierend, da experimentell und .... anders.
Mein alter Freund Ulrich, mit dem ich das Interesse für elektronische
Musik teilte, hatte "Summer" während der Sendung aufgenommen und spielte es mir später noch einmal vor.
Später im Herbst lief immerhin "Autumn" - leider hatte ich keine Cassette zur Hand. Bei "Winter" hört man Eisschollen knirschen.
Aber: Bei der Sendung am 25.10.1984 war ich erstmals mit dem Tapedeck dabei.
Soweit möglich, verfolgte ich von da an die Sendungen und nahm auf, schrieb mit (da ich mir all die vielen Interpreten beim besten Willen nicht merken konnte). Dieses ungewöhnliche Hobby betrieb
ich bis zu Beginn meines Studiums im WS 1989/90.
Ich schilderte dies bereits an anderer Stelle: Eine Kiste mit zig Cassetten steht auf dem Speicher, in gutem Zustand, wie ich neulich feststellen durfte....
Kunst oder Tatort-Begleitmusik? Oder doch eher etwas für den Fahrstuhl?
Ist das eigentlich Kunst? Oder ernstzunehmende Musik? Bei Carlos Summer oder tangerine Dreams "Phadra" kommen manchem Zweifel auf - bei mir nie.
Manch Album erinnert tatsächlich an den Tatort oder an andere Krimis im TV, vor allem die Stücke von Tangerine Dream aus den 80ern. Das war auch nicht einmal weit hergeholt. 1982 lief ein
Schimanski-Tatort mit dem titel "Das Mädchen auf der Treppe" - den Soundtrack dazu lieferten Tangerine Dream.
Die Krautrock-Band CAN lieferte 1977 den Soundtrack zu "Das Messer".
Mein Eindruck von der elektronischen Musik der 70er und 80er war: Die Künstler präsentierten zumeist experimentelle und lange Stücke, ruhig aber abwechslungsreich genug, schufen Bilder im Kopf. Sie
war genau richtig, um mit dem Kopfhörer auf dem Kopf auf seinem Bett zu liegen, nachzudenken und darüber wegzudösen, etwas zu schreiben (Brief, Tagebuch, Sonstiges) oder am Schreibtisch etwas zu
künstlerisch zu schaffen, sei es die obligatorischen Arbeiten im Fach Kunst, seien es andere eigene Werke.
Was gab es Schöneres als zu Ashra Tempels "Midnight on Mars" vom Schulalltag auszuspannen, oder vom Zivi-Geschehen?
Meine Anschaffungen damals aufgrund der "Schwingungen":
Robert Schroeder's "Brain Voyager" (1985/86) erwarb ich im April 1986. Das besondere an diesem Album: Es war mit der "Kunstkopf-Technik"
produziert. Dazu war ein künstlicher Kopf hergestellt und innen mit entsprechenden Mikrofonen ausgestattet worden, um die Akustik im menschlichen Ohr nachzuempfinen. Das war ein besonderes
Hörerlebnis, muss ich schon sagen. Vor allem das zweite Stück auf dem Album - gesungen von einer Frau, hört sich an, als befände sich die Sängerin direkt vor mir in einem leeren Raum.... Das Album
war em soundtrack für einenFilm namens "Glücksgedanken".
Mind Over Matter: The Colours Of Life" (1988): Das vom Cover her sehr an "Pink Floyd- Wish You were Here" erinnernde Album ist entspannend, kommt aber
ein wenig esoterisch daher. The Colours of Life widmete der Künstler Klaus Hoffmann-Hoog seinem damals gerade geborenem Sohn, der mit einem Baby-Juchzer verewigt wird. Der Sohn ist mittlerweile 20
Jahre alt (das Album auch, ich erwarb es irgendwann im Jahr 1988).
Klaus Schulzes "Moondawn" aus dem Jahr 1976:
Ich erinnere mich noch sehr an ein "Freie-Mitarbeiter-Wochenende" in einem Klever Jugendheim im Spätherbst 1985. Draußen stand dicht der Nebel, drinnen im Saal spielten ein paar Jungs im sonst bis
auf ein paar alte Polstermöbel leeren Saal (der sonst für Feten, OT's und anderes zur Verfügung steht) Billiard. Dazu lief bei Schummerlicht die erste Seite des Albums Moondawn. Abgedreht! Etwas
Besonderes rauchen oder irgendwelche Pilze essen muss man dann auch nicht mehr.....
Das Schulze-Album Blackdance aus dem Jahr 1972 kommt sambamäßig daher -->
Das Album Phaedra von Tangerine Dream - 1973 - erhielt ich von meinem Freund Ulrich, der sich beim Kauf offenbar vergriffen hatte. Ich fands super. Es erinnert
an eine Eis- und Schneelanschaft. Als ich das Anfang 1985 das erste mal hörte, fiel dichter Schnee in der Winternacht. Ich blickte aus dem Fenster und im Hintergrund lief Phaedra. Passender hätte
ein Soundtrack zum Wetter draußen nicht sein können....
Zu dem Album "Tangram" aus dem Jahr 1980 sagte ein Cousin damals: Das hört sich an, als leierte jemand lustlos ein Gedicht herunter. Ja, der Phantasie sind
keine Grenzen gesetzt....
Ziemlich klasse fand ich Manuel Göttschings - Ash Ra Tempel IV "Inventions for Electric Guitar" aus dem Jahr 1974:
Es ist beruhigend - und genial gespielt, fast so wie Midnight on Mars.
1989/90 endete meine "Schwingungen"-Euphorie. Gelegentlich schaltete ich mal hinzu. Aufnehmen tat ich nichts mehr. Der Abschied 1995 fiel mir gleichwohl schwer.
Danach legte Winfried Trenkler seine CD-Serie "Schwingungen" auf (Radio op CD). Ein Freund schenkte mir zu einem Geburtstag drei Folgen der Serie. Für mich war, da auf den CD's die Stücke nicht
vollständig gespielt wurden, die Angelegenheit "Schwingungen" damit vorerst beendet. Hörgewohnheiten ändern sich...
Man beachte den Begleitzettel: Winfried Trenkler veranstaltete Seminare zur frühen Geschichte deutscher elektronischer Musik....
Lang ist sie her, meine "Schwingungen" - Phase, Vieles befindet sich auf Audiocassetten, die sind womöglich historisch wertvoll, wer weiß?
M. Kupfer
von M.Kupfer
veröffentlicht in:
Rock, Punk, Indie und Co
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